Ganztägige Erziehung mit multiprofessionellen Teams in altersgemischten Klassen

Aus: Auf dem Weg zur Ganztags-Grundschule hrsg. von Karlheinz Burk und Heike Deckert-Peaceman

erschienen im Band 122:
Beiträge zur Reform der Grundschule vom Grundschulverband – Arbeitskreis Grundschule e. V. 2006, Frankfurt am Main

Kinder aus 25 Nationen leben im Stadtteil Berg Fidel in Münster. Das zeigen schon die Außenwände der dortigen Grundschule. Sie sind bemalt mit bunten Bildern aus vielen Ländern: ein Ergebnis des Projekts »Unsere Schule soll schöner werden«. Ein bisschen staunen die Pädagogen selber, dass seit Jahren niemand mehr die Schulwände beschmiert. Die Kinder fühlen sich mit ihrer Schule verbunden. Berg Fidel ist zwar ein sozialer Brennpunkt, aber diese internationale Schule ist so etwas wie eine Insel, zu der man täglich übersetzt.

Ibrahim besucht in der Grundschule Berg Fidel eine Ganztagsklasse. Er lebt und lernt vier oder fünf Jahre zusammen mit seinen Mitschülern und hat dieselben erwachsenen Bezugspersonen. Wenn Ibrahim morgens die Klasse betritt, sieht man, dass er wieder erst um Mitternacht ins Bett gekommen ist. Er hat mit Vater zusammen vor dem Fernseher gesessen. Mutter hat es nicht geschafft, ihn ins Bett zu bringen. So muss er erst mal auf den »Lesehimmel« und sich ausruhen. Im Wechsel von Spannung und Entspannung, von Spiel, offenem Sport und Arbeit findet Ibrahim seinen eigenen Rhythmus in der Gruppe. Ein 45-Minuten-Takt wäre undenkbar, ein Störfaktor.

Mit Ibrahim zusammen besuchen ca. 200 Kinder die Schule. Kinder aus den Jahrgängen 1–4 lernen zusammen in derselben Klasse. Die Klassen haben Namen von Tieren oder Pflanzen. Ibrahim ist neun Jahre alt und lernt langsamer als viele seines Alters, aber er ist kein »Schlusslicht«. Und sitzen bleiben kann er auch nicht. Er betreut sogar Maxi, sein Patenkind, das gerade in die Klasse gekommen ist. Schon im Kindergarten war er mit dem kleinen Maxi in derselben Gruppe und hatte sich gut mit ihm verstanden. Maxi war bereits im Mai zu einem Schulbesuchstag in Ibrahims Klasse gekommen. Als Ibrahim selbst noch Erstklässler war, hatte er noch viel Angst. Inzwischen ist er besonders eifrig, wenn es darum geht, Maxi die Furcht vor dem Wald zu nehmen. Maxi war nämlich noch nie im Wald und glaubt dort auf Tiger und Schlangen zu stoßen.

Für Ibrahim und seine 24 Mitschüler zwischen fünf und zwölf Jahren ist ein »multiprofessiollelles Team« zuständig. Die Klassenlehrerin, eine Sonderpädagogin, eine Erzieherin und studentische Mitarbeiter fühlen sich für die Kinder zwischen 7.45 Uhr und 15.30 Uhr verantwortlich. Kein Erwachsener steht mit seiner schweren Aufgabe alleine. Die Arbeit wird in wöchentlichen Teamsitzungen koordiniert. Alle sechs Wochen nutzen die Mitarbeiter dieser Klasse eine Teamsupervision.

Ibrahim ist kein Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf, aber in seiner Klasse leben und lernen zwei so genannte »lernbehinderte« Kinder, ohne dass Ibrahim dies weiß. Keiner würde sie als »Sonderschüler«etikettieren. Der »gemeinsame Unterricht« ist orientiert an einer »inklusiven« Pädagogik der Vielfalt (vgl. STÄHLING 2006). Jedes Kind, das in die Ganztagsklasse kommt, wird vor Schulbeginn von der Erzieherin der zukünftigen Klasse zu Hause besucht.

Ibrahim kennt die Regeln seiner Klasse ganz genau. Sie wurden mit den Kindern gemeinsam im Klassenrat festgelegt. Und Ibrahim war es, der Maxi die Regeln der Bewegungsbaustelle in der Turnhalle genau erklärt hat. Wenn er – wie manchmal – gegen Schulhofregeln verstößt, kann er mit einer konsequenten Reaktion rechnen, denn die Schulklasse hat dies mit ihm verabredet. Darüber wird nicht lange diskutiert, weil vorab die Konsequenzen klar sind. Oft hat Ibrahim Streit mit anderen Kindern. Dann geht er wutschnaubend zum Klassenratbuch, trägt ein, was ihm der andere getan hat – und sein Ärger verfliegt meist erstaunlich schnell. Einige Tage später ist Zeit für ein ausführliches Gespräch m Klassenrat. Mit großen Augen verfolgt auch Maxi, wie sein Pate sich wieder mit dem Widersacher verträgt. In diesem wohl wichtigsten Gesprächskreis geht es um Probleme in der Klassengemeinschaft. Deshalb sollten auch immer alle Kinder der Klasse dabei sein. Anders als beim »Streitschlichterverfahren« helfen alle mit, das Problem zu lösen (vgl. STÄHLING 2003).

Ibrahim weiß auch, was heute auf dem Tagesprogramm steht. Vor Überraschungen ist man zwar nie sicher, aber selbst die wären keine Katastrophe. Wichtig für Ibrahim ist, dass er über möglichst alle Vorhaben bereits morgens am Tagesplan informiert wird. Er ist durchaus in der Lage, Tätigkeiten zu bewältigen, die er nicht mag, wenn er zuvor erfahren hat, was auf ihn zukommt.

Die Klassenlehrerin sagt, dass effiziente Klassenführung als Faktor der Unterrichtsqualität von großer Bedeutung ist (vgl. STÄHLING 2006).Dies gilt auch und gerade – allen Unkenrufen zum Trotz – für den offenen Unterricht. Manchmal bringen unsere Kinder Besucher zum Staunen, weil- trotz oder gerade wegen der »freien Arbeit« – eine auffallend stille Arbeitsatmosphäre herrscht. Allerdings kann die Klassenlehrerin eine Tatsache nicht recht erklären, nämlich, wie es möglich war, dass Maxi, das Patenkind von Ibrahim, bereits nach zwei Monaten lesen gelernt hat. Zumindest beteuert sie, dass weder die russischen Eltern noch sie als Lehrerin sich darum ausdrücklich gekümmert haben.

Das Konzept der Ganztags-Teamschule

Der gebundene Ganztag

Der gebundene GanztagUnsere internationale »Grundschule Berg Fidel« hat zwei voneinander getrennte Abteilungen: Die Vormittagsschule und die Ganztagsschule. Eltern wählen bei der Schulanmeldung, ob ihr Kind in die Ganztagsklasse oder in eine der Vormittagsklassen geht. Wenn es »im Ganztag« angemeldet wird, gelten für alle Kinder die verbindlichen Schulzeiten von 8.00 bis 15.30 Uhr (freitags bis 13.00 Uhr). Nur montags ist die Teilnahme an den Aktivitäten des Nachmittags für alle Schüler freiwillig. An diesem und anderen Nachmittagen werden nämlich etwa 15 verschiedene Arbeitsgemeinschaften für alle Schüler der Schule angeboten.

Die Arbeitgemeinschaften führen zumeist Mitarbeiter der Schule durch, zum Teil aber auch Eltern, Sportvereine, Kirchengemeinden oder das Stadtteil zentrum »Lorenz Süd«. In der schuleigenen »Forscherwerkstatt« findet z. B. eine Technik-AG mit einer Mutter statt, die ausgebildete Tischlerin ist. Eine andere AG pflegt Tiere im Terrarium, eine weitere stellt die Redaktionsgruppe der »Bergzwerge«-Schülerzeitung. AGs müssen auch nicht im Schulgebäude stattfinden, wenn bessere Räume im »Lorenz« zur Verfügung stehen. So können Kinder in der Fahrradwerkstatt Reparaturen ihrer Räder unter Anleitung selbst vornehmen.

»Ganztag statt Betreuung« heißt seit 1992 das Motto. Die Grundschule Berg Fidel hat sich damals bewusst gegen ein Hort- oder Betreuungsmodell entschieden. Stattdessen bleibt in der Ganztagsschule die Kindergruppe bis 15.30 Uhr zusammen. Jedes Ganztagskind verbringt normalerweise seine gesamte Grundschulzeit in derselben Klasse. Verlässlichkeit hat Priorität.

Zur Vorbereitung der Ganztagsschule war ein Arbeitskreis aus Eltern und Mitarbeitern gegründet worden. Wir entschieden uns für das gebundene Modell der Wartburg-Grundschule (s. Anmerk. 1). Wir starteten 1992 mit einem ersten Schuljahr. Einige Jahre später ergänzten wir unsere Arbeit durch sonderpädagogische Förderung. 2002 entschied sich die Schule nach jahrelangen Vorbereitungen in einem Eltern-Mitarbeiter-Arbeitskreis für den Abbau der Jahrgangsklassen, zunächst in der Vormittagsschule. Die Altersmischung mit den Jahrgängen 1 bis 4 wurde entwickelt. Weitere zwei Jahre später löste auch der Ganztag nach gründlicher Vorbereitung in dem Arbeitskreis mit Eltern und Mitarbeitern die Jahrgangsklassen auf. Von der Wartburg-Grundschule haben wir auch übernommen, dass jede Klasse zwei feste, nebeneinander liegende Räume zur Verfügung hat, für die sie allein zuständig ist. In einem Raum finden vorwiegend ruhigere Aktivitäten statt: konzentrierte und gelenkte Arbeit sowie Frühstück und Mittagessen. Im anderen Raum, den einige »Spieleraum« nennen, ist es auch mal laut, wird gebaut, in Gruppen gearbeitet und mit Puppen gespielt. Die Kinder erleben klare Strukturen innerhalb ihrer Schulzeit. Das erleichtert den Umgang miteinander. Reviere, Regeln und Routinen können so leichter für alle transparent gemacht und konsequent eingefordert werden.

Arbeiten und Erholen, Lernen und Spielen wechseln sinnvoll miteinander ab. »Rhythmisierung« des Schultags ist die Zauberformel dafür. Die engagierten Lehrerinnen und Lehrer der vier Ganztagsklassen, die auch die Schule mit Vormittagsunterricht aus eigener Erfahrung gut kennen, haben zeitweise das Gefühl, auf Klassenfahrt zu sein. Nicht nur das gemeinsame Essen im Klassenraum, das Zähneputzen mit Zahnputzdiensten, die Vorlesezeit im Lesehimmel auf dem Hochbett oder das Hosenwechseln nach dem wöchentlichen Waldspaziergang erinnert an solche gemeinsamen Klassenerlebnisse. Allerdings geht hier alles sehr diszipliniert zu. Ein Kind, das z. B. die Regeln des leisen Mittagstisches wiederholt missachtet, muss an einem Tag im Flur oder Nebenraum alleine essen. Ein wenig schimmert hier die Reformpädagogik der zwanziger Jahre auf – natürlich auch mit ihren Schwierigkeiten und Belastungen (vgl. STÄHLING 2002a). Auch die«Mitarbeiter« erscheinen hier nicht als »Lehrer« oder »Student», sondern als Partner und verlässliche Bezugsperson der Kinder. Eltern begrüßen die vielfältigen Lerngelegenheiten, die das Leben und Lernen in dieser Ganztagsschule bietet.

Ständige pädagogische Teams

Im sozialen Brennpunkt »Berg Fidel« gibt es eine wesentliche Besonderheit, die dieser Schule zu ihrem ganz eigenen Profil verhilft: Jede der vier Ganztagsklassen wird von einem ständigen pädagogischen Team begleitet. Im Idealfall bleibt das Team während der gesamten Grundschulzeit mit einer Klasse zusammen, damit die Kinder verlässliche Bezugspersonen erleben. In jedem Team arbeiten eine Klassenlehrerin, eine Erzieherinmit halber Stundenzahl und drei Honorarkräfte mit je 8 Wochenstunden. Eltern helfen aus Zeitgründen selten mit. Die meisten Honorarkräfte sind Studenten, die zugleich ihre schulpraktischen Studien und Praktika ableisten. Der rhythmisierte Tages- und Wochenablauf (siehe Abb. S. 256), die Projekte, die Lernmethoden und Unterrichtsinhalte werden in Teamsitzungen geplant und vorbereitet. Auch die Einsatzpläne der Mitarbeiter oder Vertretungsregelungen übernimmt jedes Team völlig selbstständig. Nicht mehr die Einzelkämpferin bestimmt die Grundschularbeit, sondern das Team.

Vor dem Aufbau des Ganztags hatte die Schule maximal 20 Kolleginnen und Praktikanten. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich seitdem verdoppelt, weil auch Sonderpädagoginnen und Sozialpädagoginnen für die Schuleingangsphase hinzukamen. Von Anfang bemühten wir uns, dass alle »neuen« Professionen (Erzieherinnen, Sonderschullehrerinnen, Sozialpädagoginnen, Honorarkräfte) in den Gremien der Schule gleichberechtigt vertreten waren.

Dieses im sozialen Brennpunkt entwickelte Konzept einer Teamschule steht und fällt mit dem Funktionieren der Teamarbeit. Ein wichtiger Punkt für unsere Teamschule ist die Auswahl der Teammitglieder.

Jedes Team gestaltet einmal im Halbjahr eine Klausurtagung zur Koordinierung der Arbeit. Die Schulkonferenz findet dieses Treffen mit Fortbildungscharakter so wichtig, dass sie dafür bereit ist, pro Halbjahr einen Schultag zu »opfern«. Die Schulleitung hat ein großes Vertrauen in die Selbstregulierungskräfte von Teams entwickelt und hält sich aus Konflikten möglichst heraus. Die Beratung und Supervision der Teams wird Psychologen überlassen, die nicht an der Schule arbeiten. Supervision dient der Psychohygiene der Gruppe und gibt den Teammitgliedern Zeit für ausführliche Auseinandersetzungen über die emotionale Befindlichkeit. Dort können Probleme zwischen Mitarbeitern geklärt werden, die normalerweise überall auftreten. Auch Beanspruchungen durch den Umgang mit »schwierigen Kindern« sind Thema.
Für Teams ist eine Arbeitsstruktur erforderlich. Dazu gehören regelmäßige Besprechungen. Die Sitzungen brauchen einen routinemäßigen Ablauf, der für rücksichtsvollen Umgang mit der wertvollen Zeit der Mitarbeiter sorgt. Jedes Team hat über viele Jahre meist in Supervision ihren eigenen Stil entwickelt.

Bewährt hat sich bei vielen folgender Teamsitzungsablauf (vgl. STÄHLING 2005):

  1. Kurze Themensammlung, möglicherweise Festlegung eines
    Protokollführers, eines Sitzungsleiters, eines »Zeitwächters«
  2. Kurze Befindlichkeitsrunde: Wie geht es mir im Moment
    auch unabhängig vom Schulalltag
  3. Kurzer positiver Rückblick auf die letzte Woche: Was gefiel mir am Programm, an den Kindern, an uns Teammitgliedern und an mir selbst? (Negatives ist an dieser Stelle nicht erlaubt, das gehört in die Themensammlung!)
  4. Ausführliche Besprechung der Themen aus der Sammlung
    zu Beginn
  5. Themen, die nicht besprochen werden konnten, kommen in den »Themenspeicher«, der für das nächste Mal Themen sammelt. Falls etwas sehr Wichtiges nicht ausreichend geklärt werden konnte, wird eine Extra-Sitzung vereinbart oder u. U. die Aufgabe im Einvernehmen an eine Teilgruppe delegiert
  6. Kurze Abschluss-Blitzlicht-Runde: Was möchte ich noch loswerden?
  7. Was möchte ich nicht mit nach Hause schleppen?

Im Schulalltag (»zwischen Tür und Angel«) sind Erwachsene immer auch ein Modell für die Kinder. Wie gehen sie damit um, wenn sie sich nicht einig sind, was zu tun ist? Wie klären die Erwachsenen ihre Konflikte untereinander? Haben sie unterschiedliche Meinungen? Respektieren die Pädagogen einen Mitarbeiter, der Schwächen zeigt? Wann und wo besprechen sie ihre Probleme? Alles Fragen, die die Kinder äußerst spannend finden, denn sie wollen wissen, wie man es denn besser macht! Immerhin verlangen die Erwachsenen von den Kindern, gut zusammen zu arbeiten und Konflikte friedlich zu lösen. Hier liegt eine große Chance für Ganztagsklassen – Teams inklusive.

Rhythmisierung des Schultages

Angeregt durch Hospitationen in anderen Schulen sowie durch viele anregende Gespräche im Kollegium und im Arbeitskreis »Ganztag«, kristallisierte sich bei uns Schritt für Schritt ein neuer Stundenplanrhythmus heraus. Er stellt zwar einen Kompromiss zwischen den Ansprüchen von Fach, einzelnem Kind und Gemeinschaft dar, aber schreibt der altersgemischten Klassengemeinschaft die zentrale Rolle zu. Gerade die Fächer Deutsch, Sachunterricht, Kunst und Musik repräsentieren Facetten des Gemeinschaftslebens und ermöglichen eine Bereicherung der Klasse. So gesehen brauchen sie weder in »Kursen« noch in »Epochen« ausgelagert zu werden.

Somit fanden wir einen eigenen, »neuen« Weg, der es ermöglichen sollte, möglichst alle Aktivitäten rund um die Klassengemeinschaft zu sortieren. Die Kinder beziehen ihr Tun dann in erster Linie auf das Leben in ihrer Klasse. Die Schulfeier als größerer Rahmen bietet darüber hinaus die Chance, seine eigenen Klassenproduktionen der größeren Öffentlichkeit vorzustellen.

Unser Stundenplan ist einfach gestrickt und für alle möglichst transparent. Die 4 Ganztagsklassen bleiben bis nachmittags zusammen. Nach diesem Stundenplan ist jede Klasse als altersgemischte Gruppe der Jahrgänge 1 bis 4 täglich lange zusammen. Wichtige Merkmale dieses »veränderten Schultags« sind:

  • Kinder bleiben in der altersgemischten Klasse möglichst viel zusammen, ohne im Laufe des Tags durch häufigen Gruppen-, Lehrer- oder Raumwechsel in der Entwicklung ihrer Arbeitsvorhaben und Gruppenprozesse gestört zu werden. Zeit für Projekte, freie Arbeit oder gelenkte Arbeit, vielfältige Einzel-, Paar- oder Gruppenarbeit.
  • Das Team gestaltet mit den Kindern möglichst lange Phasen ohne Unterbrechung. Sportunterricht ist integrierbar.
  • Religionsunterricht soll nicht als Einzelstunde beim fremden Fachlehrer den Rhythmus des Vormittags unterbrechen. Daher findet der Religionsunterricht als Doppelstunde für die gesamte Schule zur gleichen Zeit statt. (Auch nicht teilnehmenden Kindern werden gezielte Lernangebote gemacht.)
  • »Themenkurse« in Sachunterricht, Mathematik und Deutsch für Leistungsstarke werden klassenübergreifend angeboten und laufen parallel zu den Förderstunden für »schwächere Lerner«.

Rhythmisierung des Schultages einer Ganztagsklasse
(vgl. STÄHLING 1995; 2006):

Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag
ca. 8 bis 9.30 Uhr FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis
Pause Pause Pause Pause Pause
Frühstück Frühstück Frühstück Frühstück Frühstück
ca. 10 bis 11.30 Uhr GA / Klassenrat GA / Klassenrat GA GA GA / Schulfeier
ca. 10.30 bis 11.45 Uhr Pause Pause Pause Pause Pause
ca. 10.45 bis 12 Uhr FS / Tischdienst
Kurze Konferenz
GA / FS GA / FS GA / FS GA / FS
Mittag Essen + Zähneputzen
+ Tischdienst
+ Tagesabschlussrunde
Pause /Tischdienst Pause /Tischdienst Pause /Tischdienst Pause
Essen + Zähneputzen
+ Tischdienst
Essen + Zähneputzen
+ Tischdienst
Essen + Zähneputzen
+ Tischdienst
Wochenabschlussrunde
ca. 13 Uhr Pause oder schulfrei Pause Pause Pause schulfrei
Nachmittag bis 15.30 Uhr Freiwillige Arbeitsgemeinschaften / Teamsitzungen GA / FA / FS + Tagesabschlussrunde Schwimmen oder GA / FA / FS + Tagesabschlussrunde Wald + Tagesabschlussrunde evtl. Freiwillige Arbeitsgemeinschaften
Nachmittag 15.30 Uhr bis ca. 17 Uhr evtl. Freiwillige Arbeitsgemeinschaften evtl. Freiwillige Arbeitsgemeinschaften evtl. Freiwillige Arbeitsgemeinschaften

FA = Freie Arbeit mit Förderangeboten, teilweise auch in der Turnhalle
GA = Gelenkte Arbeit, teilweise in Projekten, teilweise Sport in der Klassengemeinschaft
FS = Freies Spiel im Haus oder Gelände

Perspektiven und offene Fragen für eine Weiterentwicklung der Ganztagsschule

Durch die Einführung der Altersmischung der Jahrgänge 1 bis 4 stoßen wir im Ganztag erneut auf die Fragen des Tagesrhythmus. Die Altersmischung 1 bis 4 führt nämlich zu einigen organisatorischen Problemen und neuen Blickrichtungen:

  • Der klassenübergreifende Fachunterricht Englisch (getrennt für die Jahrgänge 3 und 4) findet statt, wenn der Stundenplan der drei Englischlehrerinnen der Schule in Koordination mit anderen Schulbedürfnissen dies ermöglicht. Wie kann dennoch die Klassengemeinschaft ohne große Störung weiter arbeiten, wenn ein Teil der Kinderwegen des Fachunterrichts die Klasse verlassen muss? Wann ist somit der beste Zeitpunkt für die beiden Englischstunden?
  • Der Sportunterricht kann in Teilgruppen zusammen mit einer Patenklasse als Doppelstunde stattfinden. Parallel dazu ist freie Arbeit mit dem Teil der Klasse, der zzt. nicht zum Sport geht. Die Koordination mit der Patenklasse erfordert weitere Absprachen über das engere Klassenteam hinaus. Wie wird hier Unterricht in Abteilungen vermieden, damit die Rhythmik des Tagesablaufs nicht gestört ist?
  • Für besonders leistungsstarke Kinder bietet die Altersmischung durch die Vorbildfunktion der älteren Mitschüler enorme Lernchancen. Jedoch haben die Ältesten (Viertklässler) selber im letzten Grundschuljahr »kein Vorbild«, und besonders die leistungsstarken
    Viertklässler brauchen Herausforderungen, die den engen Rahmen der Klasse sprengen. Welche Formen des »Freien Forschens« (z. B. Erkundungen außerschulischer »Lernorte«) können wir erproben? Ziel ist besonders die »Stärkung der Stärken«. Der Ganztag bietet durch seinen erweiterten Zeitrahmen mehr Möglichkeiten für solche Förderungen und trägt somit zur Qualitätssteigerung des Unterrichts bei.
  • Die Integration möglichst aller Kinder des Stadtteils in die Regelschule gelingt dann am nachhaltigsten, wenn auch das Personal über Jahre im selben Team bleibt und eine effiziente Kooperationsbasis aufgebaut werden kann. Seit einigen Jahren wird schulintern an einem Konzept gearbeitet, das die Gleichverteilung des sonderpädagogischen Personals auf alle Klassen vorsieht. Die Wunschvorstellung von einer als »inklusiv« bezeichneten »Pädagogik der Vielfalt« konkretisiert sich in der Forderung nach einer pauschalen Stellenzuweisung von Sonderpädagogen für die Brennpunktschule, damit Planungssicherheit besteht und sich somit verlässliche Beziehungen in Klassen und Teams entwickeln können (vgl. STÄHLING 2004b; 2006).

Fazit

Die Grundschule Berg Fidel ist eine »inklusive« Ganztagsschule im sozialen Brennpunkt, die auf die Herausforderungen durch die Kinder auf besondere Weise reagiert:

  • durch verlässliche, rhythmisierte Strukturen über den gesamten Schultag hinweg,
  • durch feste multiprofessionelle Teams, die jeweils für eine Klasse zuständig sind,
  • durch eine klare Raumzuordnung, die jeder Klasse die Verantwortung für ihre zwei Räume gibt,
  • durch altersgemischte Klassen mit den Jahrgängen 1 bis 4,
  • durch die wohnortnahe Integration förderbedürftiger Kinder (»Inklusion«),
  • durch eine zuverlässige Gesprächskultur im Klassenrat.

Diese Merkmale sind die soziale Basis für die Entwicklung aller Kinder. Sie ermöglichen jedem Kind in dieser Schule, zu einer Arbeitshaltung zu finden. Deutliche Qualitätsentwicklungen durch eine solche GanztagsTeamschule sind zu erkennen.

Und wie finanziert man eine solche gebundene Ganztagsschule?

In den Ganztagsklassen sind Kinder integriert, die sonderpädagogische Förderung brauchen. Einige dieser Kinder müssten, wenn sie in einer Vormittagsschule wären, die Unterstützung der heilpädagogischen Tagesstätten in Anspruch nehmen. Die Kosten für die Kommune lägen dann wesentlich höher als die Zuschüsse für eine gebundene Ganztagsschule.

Die Stadt Münster finanziert den Hauptanteil der Ganztagsschule, zumal der 20% Ganztagszuschlag des Landes NRW nur täglich eine weitere Stunde über die Regelschule hinaus abdecken kann. Das Geld der Kommune ist sinnvoll investiert, und es wäre zu überlegen, ob nicht weitere pädagogische Fachkräfte (aus den sozialen Diensten oder Freizeiteinrichtungen) in die Arbeit der ganztägigen Teamschule integriert werden können.

Das hier dargestellte Modell ganztägiger Erziehung lässt sich auf andere Städte übertragen. Es ist finanzierbar, wenn kommunale Gelder für Kinder in sozialen Brennpunkten in die Unterhaltung solcher Ganztagsschule umgeschichtet werden.

Anmerkung

Diese Art gebundener Ganztagsgrundschule war bereits viele Jahre zuvor unter der Leitung von GERTRAUT GREILING in einem anderen Stadtteil Münsters verwirklicht worden und unter dem Namen »Gievenbecker Modell« deutschlandweit bekannt geworden: die Wartburgschule.

Literatur

STÄHLING, REINHARD: Leben und Lernen im Ganztagszweig. Videofilm für Eltern und Mitarbeiter der Grundschule Berg Fidel über das Leben und Lernen im ersten Schuljahr des Ganztagszweigs. Universität Münster: Zentrum für Wissenschaft und Praxis. Abteilung für Audiovisuelle Medien 1993
STÄHLING, REINHARD: Teamarbeit im Ganztagszweig. In: BURK, KARLHEINZ: Teamarbeit in der Grundschule. Frankfurt: Arbeitskreis Grundschule 1995, S. 76–81
STÄHLING, REINHARD: Unter westfälischen Eichen. Kelkheim: Ilma 2002a
STÄHLING, REINHARD: »Wir sind ständig auf Klassenfahrt« – Ein übertragbares Modell ganztägiger Erziehung in der Grundschule. In: neue deutsche schule 54. Jg, H. 9/ 2002b, S. 22–23
STÄHLING, REINHARD: Der Klassenrat – eine Fortführung reformpädagogischer Praxis. In: KARLHEINZ BURK, ANGELIKA SPECK-HAMDAN, HARTMUT WEDEKIND (Hrsg.): Kinder beteiligen – Demokratie lernen? Frankfurt/M.: Arbeitskreis Grundschule 2003, S. 197–207
STÄHLING, REINHARD: Schulqualität oder: Lob des Fehlers. In: Grundschulverband aktuell, H. 88/ 2004a, S. 7–10
STÄHLING, REINHARD: Multiprofessionelle Teams in altersgemischten Klassen. Ein Konzept für integrativen Unterricht. In: Die Deutsche Schule 96. Jg.,H.1/2004b,S.45–55
STÄHLING, REINHARD: Teamarbeit inklusive. In: CHRISTIANI, REINHOLD (Hrsg.): Jahrgangsübergreifend unterrichten. Berlin: Cornelsen 2005, S. 48–53 STÄHLING, REINHARD: »Du gehörst zu uns« – Inklusive Grundschule. Ein Praxisbuch für den Umbau der Schule. Hohengehren: Schneider 2006