Sieben Schritte auf dem Weg zum Klassenrat.

aus: Lehrer-Bücherei Grundschule

Reinhold Christiani
Klaus Metzger (Hrsg.)

Reinhard Stähling

Sorgen und Nöte von Kindern in einer Grundschule hört man, wenn man nur die Ohren aufmacht:

  • A hat mich getreten.
  • B hat meinen Radiergummi weggenommen.
  • H hat zu mir gesagt: „Ich bin nicht mehr dein Freund.“
  • K hat gesagt, dass sein großer Bruder mich verhaut.

Diese Probleme von Kindern sollten wir ernst nehmen. Jeder ist gefragt, den Kindern zu zeigen, dass Unrecht nicht ungehört verhallt. Was liegt näher, als darüber zu sprechen – mit den betroffenen Kindern. Wir finden, dass unsere Schule den Kindern Zeit für regelmäßige Gespräche geben muss, in denen Probleme geklärt werden können. Diesem Zweck dient der Klassenrat, der einmal wöchentlich in jeder Klasse stattfindet. Wer es uns nachmachen will, dem seien diese sieben Schritte empfohlen:

Schritt 1: einen Sitzkreis bilden. Das Beste ist ein festes Bänkchenquadrat, das – aus Platzgründen – immer vor der Tafel steht.

Schritt 2: auf eine Kladde „Klassenrat“ schreiben. Von nun an kann jedes Kind Gederzeit) etwas über sein Problem in das Klassenratbuch schreiben. Statt zu schreiben, kann es seine Sorgen auch malen. Name und Datum dazu – fertig. Beim nächsten Klassenrat wird es besprochen (nicht eher).

Schritt 3: als Lehrerin oder Lehrer Toleranz zeigen. Der moralische Zeigefinger ist in einem Klassenrat tabu! Wir wollen die Sorgen verstehen. Wer jemandem Gewalt angetan hat, bekommt eine Chance, sich zu erklären. Er kann sich entschuldigen und es eventuell wiedergutmachen.

Schritt 4: Termin festlegen (einmal wöchentlich zur festen Zeit). Der Klassenrat findet ohne Ausnahme statt! Auf diesen Termin müssen sich Kinder und Eltern verlassen können.
Wenn kein Problem im Buch steht, ist Zeit für Spiele im Kreis, (z. B. „Heißer Stuhl“: Ein Kind in der Mitte bekommt von den anderen nur Gutes zu hören: „Deine Schuhe finde ich schön. – Du kannst mir gut helfen. – Ich finde, du machst tolle Witze.“)

Schritt 5: Beim Klassenrat werden die Probleme der Reihe nach durchgearbeitet.
Gespräche haben Regeln:

  • Zuerst spricht, wer ein Problem ins Klassenratbuch geschrieben oder gemalt hat.
  • Er spricht, solange er will, und wird von niemandem unterbrochen.
  • Dann spricht der „Gegenspieler“. Auch er wird von niemandem unterbrochen.
  • Erst wenn die beiden Parteien zu Ende geredet haben, ist Zeit für Fragen aus dem Kreis.
  • Gemeinsam wird am Ende nach einer Lösung gesucht.

Schritt 6: Kinder haben gute Ideen dafür, wie man sich wieder verträgt. Die Pädagogen lernen, sich auf die Kinder zu verlassen. Kinder sind den Erwachsenen gleichwertig.
Beispiel: Die Kinder geben dem „Täter“ noch eine Chance. Wird jedoch dies~ Chance nicht genutzt, folgt eine Konsequenz, die bereits vorher festgelegt wurde. Schlägt einer in der Pause andere Kinder, so bekommt er im Wiederholungsfall – konsequenterweise – keine weitere Gelegenheit, andere zu schlagen. Er hat Pausenverbot. Dies ist vorher mit ihm im Klassenrat vereinbart worden.

Schritt 7: Klassenrat in allen Klassen der Schule ist ein Idealfall. Vieles wird dadurch leichter. Das werden alle Mitarbeiter der Schule leicht verstehen: Wer ein Problem mit einem Kind aus einer anderen Klasse hat, geht – begleitet von einem Vertrauten - in den fremden Klassenrat und trägt sein Anliegen dort vor. Aber niemals sollte man die tolerante Grundhaltung vergessen – der Klassenrat ist kein Tribunal für Sünder.

Unsere Erfahrungen nach sieben Jahren Klassenrat zeigen einen deutlichen Rückgang von Gewalt zwischen den Schülern. Obwohl wir in allen Klassen Kinder mit Verhaltensauffalligkeiten und verschiedenen Lernproblemen haben und darum eher mehr Schwierigkeiten als anderswo zu erwarten wären, stellen wir fest, dass Gewalt nicht (mehr) das beherrschende Thema ist. Wir vermuten den Grund darin, dass unsere Schüler das Gefühl haben, dass niemand mit seinen Sorgen alleingelassen wird. Dafür sind uns auch die Eltern dankbar. Jeder an unserer Schule merkt bald, dass wir im Klassenrat für alle sozialen Schwierigkeiten eine Lösung finden können (eigentlich unglaublich) – wenn nicht durch die Erwachsenen, dann doch mithilfe der Kinder. Denn die sind unglaublich.

Weiterlesen bei Reinhard Stähling (2006). „Du gehörst zu uns“. Inklusive Grundschule. Hohengehren: Schneider.