„Wie ein Sandkorn…!“

Zum lnklusionsbegriff und zum Index für Inklusion

BARBARA WENDERS & REINHARD STÄHLING IMGESPRÄCH MIT TONY BOOTH

Tony Booth, neben Gordon Porter einer der weltweit einfluss­reichsten Vertreter der „lnclusive Education“, arbeitet derzeit an der dritten Fassung seines 2000/2002 vorgelegten Index für Inklusion. Tony Booth ist Professor an der Universität Canbridge.
Reinhard Stähling und Barbara Wenders sprachen anlässlich der Bremer lnklusionsforschertagung 2011 mit ihm.

REINHARD STÄHLING: Herr Booth, was bedeutet Inklusion für Sie?

TONY BOOTH: Inklusion ist ein gro­ßer Begriff, der für zahlreiche an­dere große Begriffe steht. Inklusion bedeutet, inklusive Werte in Handlungen umzusetzen. Es ist ein prin­zipieller Weg, Bildung und Gesell­schaft zu entwickeln. Es ist eine Art, miteinander zu leben, verbunden mit einem ständigen Lernen. Für mich ist Inklusion ein sozialistischer, humaner Blick auf die Welt.

BARBARA WENDERS: Wann haben Sie den Begriff gefunden?

BOOTH: Mitte der Neunziger, wür­de ich sagen. Aber zuerst habe ich ihn abgelehnt. Ich benutzte den Be­griff Integration. Gut am lnklusionsbegriff war, wie ich dann feststellte, dass er eine leichte Verbindung zum Exklusionsbegriff erlaubte. Inklusion zu entwickeln, bedeutet Exklusion zu überwinden, und das ist eine mäch­tige Beschreibung.
Trotzdem wird der Begriff „Inklu­sion“ hauptsächlich im Zusammen­hang mit der Teilhabe von Kindern mit Beeinträchtigungen am Regel­schulsystem oder für die Teilhabe der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gebraucht. Ich sehe In­klusion und Exklusion als etwas an, was uns alle betrifft: Erwachsene und Kinder. Wenn wir die Anwendung des Begriffs auf eine kleine Gruppe von Kindern beschränken, führt das dazu, dass wir die Möglichkeiten, Lösungen für die meisten Exklusionsprozesse in Schulen zu finden, versäumen. Auch behandelt es diese Gruppe in einer diskriminierenden Weise, als ver­stünden wir bereits die Basis ihrer Inklusion und Exklusion, ohne sie zu kennen.

STÄHLING: Spüren Sie viele Wider­stände gegenüber dem Index?

BOOTH: Nun, ich bin immer vorsich­tig, zu viel von dem zu erwarten, was ich schreibe. ln England haben wir ein besonders eng kontrolliertes Bildungssystem, wo sich viele Leh­rer in der Schule fühlen, als müssten sie, bevor sie morgens einatmen, erst einmal prüfen, ob dies durch die zentralen Schulerlasse erlaubt ist. Es scheint schwierig zu sein, in solch ein Schulsystem ein Dokument zu brin­gen, das sagt: Entwickle eine Schu­le, die dir selbst dient, entsprechend deinen eigenen Überzeugungen. Manchmal denke ich, dass der Druck gegen die Anwendung des Index in Schulen durch die Verwaltungser­lasse so groß ist, dass nur wenige ihn benutzen. Aber dann sehe ich auch Leute, die trotz des Drucks mit etwas arbeiten wollen, das mit ihren Werten verbunden ist, das sie frei macht.
Wir haben die neue Ausgabe des Index in Schulen in Norfolk, im Osten Englands erprobt. 35 Schulen arbeiteten zum ersten Mal mit dem In­dex und waren begeistert, dass er sie ermutigt hat, ihre Schulen zu ent­wickeln.

WENDERS: Ist Optimismus wichtig?

BOOTH: Ich sehe Optimismus und Hoffnung als Teil meines Rahmen­plans inklusiver Werte und als eine professionelle und elterliche Pflicht. Vielleicht ist es auch eine Pflicht ge­genüber sich selbst. Es hat nichts mit Vermeidung der Realität zu tun, son­ dern meint, der Realität ins Gesicht zu sehen als Basis für eine Strate­gie der Veränderung. Es gibt Zeiten, in denen du denkst, dass die Chance, etwas im Bildungssystem oder in der Umwelt zu verändern, klein zu sein scheint – aber dann arbeitest du mit dieser kleinen Chance und versuchst sie größer zu machen.

STÄHLING: Wir sind oft ungeduldig, weil die Schritte so klein sind …

BOOTH: Bezüglich der Veränderung, wie zu leben und wie zu unterrich­ten, ist es natürlich wichtig, die Ver­bindung zwischen unseren kleinen Aktionen und den großen Schritten, die wir machen wollen, zu er ­halten. ln dieser Hinsicht ist es gut, ungeduldig zu sein. Und manchmal sorgt der nächste kleine Schritt für den entscheidenden Wendepunkt, wie ein Sandkorn auf einer Sand­pyramide oder wie ein weiterer Mensch, der durch ein grausames Regime – wie das von Khaled Said in Alexandria – gebrochen wurde – der durch eine Facebook Kampagne „Wir sind alle Khaled Said“ zu einem der Einflüsse wurde, der zu Massen­demonstrationen und zur Verände­rung des Regimes in Ägypten geführt hat. So kann es sein, dass auch unse­re Bemühungen die Macht für die Bil­dung vergrößern werden.

SCHNELL GELESEN
Für Tony Booth ist der Index für Inklusion eine Einladung zum Dialog, und demzufolge wird er sich durch die Dialoge und Erfahrungen mit und von Schulen, Kindergärten und Kommunen, die damit arbeiten, weiterentwickeln. Ohnehin ver­steht Booth unter Inklusion einen lange währen­den Prozess, eine Strategie, um Bildung und Erziehung für alle neu zu überdenken, um von einer Sicht, die denen schadet, denen sie an­geblich dienen soll, weg zu kommen zu einer (schulischen) Gemeinschaft und Gesellschaft, die von Wertschätzung und Gleichwürdigkeit (equity) statt von bewertenden Hierarchien geprägt werden (vgl. Booth 2010).

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN

Reinhard Stähling
leitet die Grundschule Berg Fidel Münster.

Barbara Wenders
ist Klassenlehrerin und Sonderpädagogin
in der Grundschule Berg Fidel Münster.

LITERATUR
Boban, I./Hinz, A.: Index für Inklusion.
Halle 2003 (deutsche Fassung von Booth/ Ainscow 2000, 2002)
Booth, T:. Wie sollen wir zusammen leben? Inklusion als wertebezogener Rahmen für pädagogische Praxisent­wicklung. Vortrag am 10.6.2010 auf der Fachtagung „Kinderwelten“ in Berlin. Unter: www.kinderwelten.net
Booth, T./Ainstow, M.: The index for inclusion, developing learning and participation in schools. Centre for Studies on inclusive Education (CSIE). Bristol 2000, 2002
Stähling, R. / Wenders, B.: Das können wir hier nicht leisten. Wie Grundschulen doch die Inklusion schaffen können. Ballmannsweiler 2012 (enthält Langfassung dieses Interviews)