Die Physiker

Komödie in zwei Akten

von Friedrich Dürrenmatt

Drei Physiker sitzen in der psychiatrischen Klinik ein. Dem einen erscheint der König Salomo, die beiden anderen halten sich für Einstein und Newton. Das Stück beginnt mit einem Mord. Reinhard Stähling inszeniert diesen Dauerbrenner auf  den Bühnen. Friedrich Dürrenmatts Thema  ist die Verantwortung des Wissenschaftlers, wie schon bei Brechts „Galilei“. Das Theater in der Kreide aus Münster ist todsicher mit komödiantischem Gelächter in seinem Element.

Und in Japan werden aus wirtschaftlichen Gründen allmählich wieder die Atomkraftwerke hochgefahren. Unserer heillosen Gesellschaft ist nur mit Mitteln der Komödie beizukommen. Diese Überzeugung des leidenschaftlichen Satirikers Dürrenmatt ist so aktuell wie zur Zeit der Uraufführung von „Die Physiker“ in Zürich mit Therese Giehse, Theo Lingen und Gustav Knuth. 1962–63 ist es das meist gespielte Stück auf deutschen Bühnen. Den Welterfolg leitet Peter Brooks Inszenierung 1963 in London ein. Fünf Jahre später ist der politische Protestschrei der 68er-Bewegung nicht mehr zu überhören.


Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd:
Petra Schulte
Monika Stettler, Krankenschwester:
Petra Schulte
Herbert Georg Beutler, genannt Newton, Patient:
Norbert Kauschitz
Ernst Heinrich Ernesti, genannt Einstein, Patient:
Volker Stephan
Johann Wilhelm Möbius, Patient:
Thomas Hanke
Richard Voß, Kriminalinspektor:
Cornelius Hüdepohl
Blocher, Polizist:
Volker Stephan
Inszenierung:
Reinhard Stähling
Musik:
Thomas Schnellen
Thomas König

Einige Stationen im Leben von Friedrich Dürrenmatt (1921–1989)
1945 Er arbeitet an „Die Wiedertäufer“ (später: Es steht geschrieben)
1947 Kontakt zu Max Frisch; Uraufführung von „Es steht geschrieben“ Zürich, Theaterskandal
1948 Kriminalroman „Der Richter und sein Henker“
1949 Komödie „Romulus der Große“, Begegnung mit Brecht
1952 „Die Ehe des Herrn Mississippi“1956 „Der Besuch der alten Dame“ Frisch und Dürrenmatt planen gemeinsames Stück als Fortsetzung von „Biedermann und die Brandstifter“
1959 „Frank der Fünfte – Oper einer Privatbank“
1962 „Die Physiker“ (Regie: Kurt Horwitz), das Stück ist das meistgespielte auf deutschen Bühnen in 1962/63 und 1982/83 (anlässlich des amerikanischen Star-Wars-Projekts)1963 „Herkules und der Stall des Augias“
1966 „Der Meteor“
1967 Uraufführung „Die Wiedertäufer“ (Komödienfassung von „Es steht geschrieben“)


Produktionen des „Theater in der Kreide“
Leitung: Reinhard Stähling

Herr Puntila und sein Knecht Mattivon Bertolt Brecht
Der Kaukasische Kreidekreisvon Bertolt Brecht
Bezahlt wird nichtvon Dario Fo
Dreigroschenopervon Bertolt Brecht /Kurt Weill
Schweyk im Zweiten Weltkriegvon Bertolt Brecht
Turandotvon Bertolt Brecht
Leben des Galileivon Bertolt Brecht
Ich bin das Volkvon Franz Xaver Kroetz
Mutter Courage und ihre Kindervon Bertolt Brecht
Der Hofmeistervon J.M.R. Lenz / Bertolt Brecht
Biedermann und die Brandstiftervon Max Frisch

Probenfotos Dürrenmatt: Die Physiker


Fotos von Generalprobe


Ankündigung / Theaterkritiken


Premierenkritik in der MZ


Kritik in den WN vom 6. Mai 2013


Münsterländischen Volkszeitung vom 19.11.2013

Ist unsere Welt überhaupt noch zu retten?

Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ im Hypothalamus
Drei „Irre“ retten die Weltformel (v. l.): Thomas Hanke, Norbert Kauschitz und Volker Stephan. Foto: Winter

RHEINE. Das „Theater in der“ aus Münster hat am Samstagabend den Dürrenmatt-Klassiker „Die Physiker“ auf die Bühne des „Hypothalamus“ am Thie gebracht. Durch die Umbauarbeiten kann diese Location zum neuen Zentrum einer Kleinkunstszene in Rheine werden, in der neben den bisherigen Disco-Abenden auch ausgesuchte Theaterstücke stattfinden sollten. Einen gelungenen Start schaffte das semi-profesionelle Ensemble aus Münster, das sich als Theater der Unmittelbarkeit präsentierte. Das „Theater in der Kreide“ kommt auch im fünfzehnten Jahr seines Bestehens ohne finanzielle Unterstützung durch das Kulturamt Münter aus ohne Mittel heißt aber auch frei in Spielplan und Spielweise. Der Erfolg liegt in der Unmittelbarkeit des Schauspielens vor einem Publikum, das nahe an der Bühne stärker angesprochen wird als in großen Theaterhäusern.
Und eine derartige Unmittelbarkeit war am letzten Wochenende erforderlich, denn Dürrenmatts Komödie um die Gefährdung der Welt durch die moderne Kernphysik muss jeden Zuschauer ansprechen. In der Regieleitung von Reinhard Stähling kamen die Akteure aus dem hinteren Thekenraum zur Bühne, hier schon plaudernd in den Originaltext eines Dramas fallend, da mit sparsamen Requisiten dennoch die große Welt eines kleinen Irrenhauses zeigte.
Die Konzentration der Inszenierung ging auf ein „irres“ Wissenschaftler-Trio, jedoch andere Dramen-Figuren, die nicht dem Charakter eines vergnüglichen Volktheaters dienten, blieben ausgespart. Auch die Dialog-Texte wurden in improvisierter Stegreiftechnik zugunsten eines komödiantischen Chaos-Theaters umgeschrieben. Diese Entscheidung entspricht durchaus der Dramentheorie Dürrenmatts, der das Komische nicht in den Dialogen, sondern in den grotesken Situationen verwirklicht sehen will.

Und von derartigen Szenen gab es viele auf der Kleinkunstbühne zu sehen, und nahezu fünfzig Zuschauer im Saal waren amüsiert über ein irres Spiel paradoxer Situationen. Der erste Akt gab sich als Kriminal-Farce, in der Inspektor Voß (cool bis zur Ironie: Cornelius Hüdepohl) einen (bereits bekannten) Mörder fassen soll während sein Assistent Blocher (Volker Stephan) im Schutzanzug eines Terrorkampfes die Leiche aus allen Winkeln fotografierte.

Skurril, distanziert und eitel plaudernd tönt nur die Krankenschwester Monika (Petra Schulte), die das Opfer des zweiten Akts werden wird, diese absurde Detektivarbeit.
Und dann waren natürlich die drei Irren auf der Bühne, herrlich burlesk in ihrer Spielweise, in giftigen Dialogen verfeindet, beim Cognac übcrraschend befreundet. Newton (Norbert Kauschitz) war der Zurückhaltende, mit Lockenperücke und Schlafanzug eine lächerliche Figur.


Einstein (Volker Stephan) spielte nicht nur Geige, sondern auch den Blödian in allzu kurzem Hemd und tollpatschiger Art.
Der Dritte im Bunde der Wissenschaftler war Johann Wilhelm Möbius (Thomas Hanke), der die Weltformel vor der Öffentlichkeit verstecken will. Die Regie verzichtete nicht auf die Schlussmonologe der drei Irren, die auf Stühlen stehend wie im Gerichtssaal ihr Plädoyer der Unschuld hielten.
Und die Botschaft wurde deutlich: Die Wissenschaft ist an ihre Grenzen gestoßen, was einmal gedacht ist, ist nie mehr zurückzunehmen. Der tödliche Sprengstoff ist allein das menschliche Denken.
Für die Bedeutung des Stücks kam die Person der Doktor Mathilde von Zahnd, ebenfalls gespielt von Petra Schulte, zu kurz. Dass in dieser Irrenärztin, die sich zuerst verlogen als mütterlich fürsorgliche Samariterin gibt, durch Intrigen und Manipulationen eine unkontrollierte und bedrohliche dritte Macht entsteht, wurde in dieser Bühnenfassung ausgelassen.
Ingmar Winter