Zum 100. Geburtstag von Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter

Inszenierung: Reinhard Stähling
Musik: Thomas Hanke, Thomas Schnellen
Herr Biedermann: Armin Käthner
Frau Biedermann: Petra Schulte
Anna: Sophie Höerster
Herr Schmitz: Norbert Kauschitz
Herr Eisenring: Thomas Hanke
Ein Dr. phil.: Thomas Schnellen

Als eines Abends ein Fremder ohne zu klopfen Biedermanns Wohnzimmer betritt, gerät die altbewährte bürgerliche Ordnung durcheinander. Trotz seines Verdachtes, dass der Fremde ein Brandstifter sei, lässt Biedermann ihn bei sich einziehen. Selbst als er Benzinkanister und einen Ex-Häftling ins Haus bringt, will Biedermann sich nicht mit der Wahrheit konfrontieren.

Max Frisch Figuren sind einsame, bürgerliche, aber auch absurd-komische Gestalten. Sie können sich nicht einmal mehr wehren, wenn es ihnen an die eigene Haut geht. Es ist die mit viel Witz und Ironie erzählte Geschichte vom Biedermann, der seine Leiche im Keller hat und doch ein guter Mensch sein will. „20 Jahre nach der Uraufführung – das feuergefährliche Benzin auf dem Dachboden, das unser Gottlieb Biedermann riecht und das ihn ängstigt und das er als Haarwasser deklariert, hat sich inzwischen vermehrt: es reicht zum Weltenbrand.“

So schreibt Max Frisch 1978. Nochmals sind mehr als 30 Jahre vergangen. Wer Gehorsam gelernt hat, mit dem haben eben die Brandstifter leichtes Spiel. Biedermanns Widerstand ist nicht zu erwarten, wenn das Verbrechen organisiert zuschlägt.

Max Frisch 1911 Geburt in Zürich
1941 Anstellung als Architekt
1945 Uraufführung: Nun singen sie wieder
1947 Bekanntschaft mit Bertolt Brecht
1949 Uraufführung: Als der Krieg zu Ende war
1950 Tagebuch 1946–1949
1954 Stiller
1955 Aufgabe des Architektenberufes
1957 Homo Faber
1958 Uraufführung: Biedermann und die Brandstifter
1961 Uraufführung: Andorra
1964 Mein Name sei Gantenbein
1972 Tagebuch 1966–1971
1975 Montauk
1979 Uraufführung: Triptychon
1982 Blaubart
1991 Tod

Produktionen des „Theater in der Kreide“
Leitung: Reinhard Stähling

Herr Puntila und sein Knecht Mattivon Bertolt Brecht
Der Kaukasische Kreidekreisvon Bertolt Brecht
Bezahlt wird nichtvon Dario Fo
Dreigroschenopervon Bertolt Brecht /Kurt Weill
Schweyk im Zweiten Weltkriegvon Bertolt Brecht
Turandotvon Bertolt Brecht
Leben des Galileivon Bertolt Brecht
Ich bin das Volkvon Franz Xaver Kroetz
Mutter Courage und ihre Kindervon Bertolt Brecht
Der Hofmeistervon J.M.R. Lenz / Bertolt Brecht

Die MUSIK ZUM STÜCK … von Frisch gibt es auf CD.
Hier

TagDatumOrtBeginnKartentelefon
Freitag25.11.2011Bürgerhaus Kinderhaus, Münster Idenbrockplatz 820:000251 492-1616
Samstag26.11.2011Bürgerhaus Kinderhaus, Münster Idenbrockplatz 820:000251 492-1616
Samstag21.01. 2012Osnabrück, Erstes unordentliches ZimmerTheater, Lohstraße 45a20:000541 3232202
Samstag28.01. 2012Senden, Friedenskapelle, Grüner Grund 519:0002597 98683
Samstag18.02.2012Sendenhorst, Haus Siekmann, Weststr. 1820:00
Sonntag26.02. 2012Lüdinghausen, Ricordo, Sendener Str. 8, www.ricordo.de19:0002591 940750
Samstag10.03. 2012Münster, Bennohaus20:000251 609673
Samstag17.03. 2012Nordwalde, Forum der Kardinal-von-Galen-Gesamtschule Amtmann-Daniel-Str. 3220:00Veranstaltung des Kulturvereins

Probenfotos zu Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter (Fotos: Friedel Callies)


Theaterkritiken

Neue Osnabrücke Zeitung vom 22. Januar 2012

Spiel mit dem Feuer

„Biedermann und die Brandstifter“ im Zimmertheater
Armin Käthner (links) als Herr Biedermann und Norbert Kauschitz als Herr Schmitz.
Foto: Swaantje Hehman

Osnabrück. Benzin oder nicht Benzin, das ist hier die Frage. Während sich der zwielichtige Herr Eisenring (Thomas Hanke) unübersehbar mit Kanistern, Zündkapsel und Zündschnur am Boden zu schaffen macht, kann Hausherr Biedermann (Armin Käthner) nur wie ein störendes Requisit dem Treiben zuschauen und große Töne von „Menschlichkeit“ spucken. Die drohende Brandkatastrophe vor Augen, lässt er sich dennoch von den bei ihm einquartierten Herren Eisenring und Schmitzbereitwillig mit Beschwichtigungen und Lügen einlullen.
Anlässlich des 100. Geburtstags von Max Frisch erarbeitet, gastierte das Theater in der Kreide aus Münster am Samstag mit dem ironischen Frisch-Klassiker „Biedermann und die Brandstifter“ im Zimmertheater und zeigte die fatalen Auswirkungen von Verblendung und Scheinheiligkeit. Reinhard Stählings Inszenierung, die mit einer skurrilen „Sicherheitsübung“ vom Polizistendarsteller Volker Stephan bereits im Foyer eingeleitet wurde, betonte den absurd-slapstickhaften Charakter des Stücks, in dem sämtliche Darsteller als austauschbare Typen mit

Der dreckig lachende, aufdringliche Schmarotzer Schmitz (Norbert Kauschitz), das misstrauische Dienstmädchen Anna (Sophie Hoerster), die hilflos dreinblickende Biedermann-Gattin Babette (Petra Schulte) und nicht zuletzt der nervös auf der Stelle trippelnde Spießer Biedermann, der von „Menschlichkeit“ predigt, gleichzeitig einen von ihm ausgebooteten Erfinder ungerührt in den Selbstmord treibt – sie alle stehen für Typen, die gern mit dem Feuer spielen, ihre wahren Charaktere überspielen und sich bereitwillig von falschen Freunden blenden lassen. Die Absurdität der Handlung gipfelte in einer Zirkuseinlage, in der die Brandstifter, ähnlich wie Chaplins „Großer Diktator“, mit Benzinkanistern als ihren Machtsymbolen jonglierten. Das Ende der ehrenwerten Biedermann-Gesellschaft wurde schließlich mit der sphärischen Synthesizermusik der Darsteller und Klangkünstler Thomas Schnellen und Thomas Hanke besiegelt. Der Rest war Schweigen.
Uta Biestmann-Kotte


WN von 21. Februar 2012

Alle Menschen sind gleich

„Theater in der Kreide“ spielte „Biedermann und die Brandstifter“
Sendenhorst – Nicht unbedingt leichte Kost bot das „Theater in der Kreide“ aus Münster auf der Tenne des Hauses Siekmann an. Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ erzählte die Geschichte von „einsamen, bürgerlichen, aber auch absurd-komischen Gestalten“, die ein eigentlich vermeidbares Schicksal erleiden.

Von Wolfram Opperbeck
Das war nicht unbedingt leichte Kost, die das „Theater in der Kreide“ aus Münster auf der Tenne des Hauses Siekmann anbot und wurde sicher auch nicht von jedem Besucher gut verdaut. Schließlich konnte der Schweizer Schriftsteller Max Frisch schon damals mit seiner Literatur nicht jedermanns Freund werden. „Biedermann und die Brandstifter“ unter der Leitung von Dr. Reinhard Stähling stand auf dem Programm des Fördervereins des Hauses Siekmann. Und dabei gab es nicht nur komische und stark geschminkte Gesichter von heftig lachenden Schauspielern zu sehen, auch so einige Lebensweisheiten wurden präsentiert. Die Schauspieler gaben sich große Mühe, den „einsamen, bürgerlichen, aber auch absurd-komischen Gestalten“ des Autors Max Frisch Gestalt zu geben, „die sich nicht einmal mehr wehren können, wenn es ihnen an die eigene Haut geht“. So jedenfalls präsentierten die Mimen witzig und ironisch die Geschichte vom „Herrn Biedermann“, der zwar Gottlieb heißt, aber durchaus nicht so lieb ist, wie er sich gerne geben möchte. Und Biedermanns Temperament war stellenweise auch nicht zu überhören. So stand er denen in nichts nach, die zwar als arme arbeits- und obdachlose Gestalten zu ihm kamen, sich aber dennoch vor Lachen nicht halten konnten – warum auch immer? 

Und die altbewährte bürgerliche Ordnung geriet erst recht durcheinander, als „Herr Schmitz“ mit dem „Ex-Häftling Willi Eisenring“ schließlich auch noch Benzinkanister auf dem Dachboden des gastgebenden Hauses wieder einmal in Stellung brachte, um einen Brand bei einem gut betuchten Bürger auszulösen. Obwohl der sie wohlwollend aufgenommen hatte und dem der arme „Herr Schmitz“ dann auch ein Gewissen bescheinigte, was längst nicht mehr jeder habe, sondern stattdessen viele eher die Peitsche in der Hand. Aber „wo führt denn das hin, wenn keiner mehr an den anderen glaubt“, gab Schmitz zu bedenken. Und allen war klar „Wir brauchen mehr Menschlichkeit“. Genau die versuchte „Herr Biedermann“, seinem unbekannten Gast zu geben, wohingegen seine Frau dabei größere Sorgen hatte und aus Angst vor einem Brand gar nicht mehr schlafen konnte. Aber „alle Menschen sind gleich“, glaubt „Biedermann“ nicht an Klassenunterschiede „vor allem in den unteren Schichten“. Bevor es mit der Vorstellung losging, hatte der Polizist aus dem Theaterstück noch direkten Kontakt mit den Besuchern aufgenommen und übte im Kaminraum des Hauses Siekmann die Nutzung von Zebrastreifen, von denen er in Sendenhorst zu wenig gefunden habe: „In welchem Kaff bin ich denn hier gelandet“, entrüstete er sich. Auch derartige Bemerkungen versuchten die Zuschauer, mit Humor aufzunehmen, zumal die Tenne des Hauses samt Dachboden für die Inszenierung des Münsteraner Ensembles wie geschaffen war.