Turandot

Köstliches Theatervergnügen zum Auftakt des KAKTuS-Sommerfestivals

Frech und forsch wie Brecht

Das münstersche „Theater in der Kreide“, bekannt für seine spektakulären Inszenierungen plant den nächsten Coup. Man will an die Erfolge der Clowns-Inszenierung „Bezahlt wird nicht“ (2002), der „Dreigroschenoper“ (2003) und des „Schweyk“ (2004) anknüpfen. Das seit 1998 semiprofessionell arbeitende Ensemble um Regisseur Dr. Reinhard Stähling bereitet das Stück „Turandot oder der Kongress der Weißwäscher” von Bertolt Brecht vor. Dieses Mal nimmt das „Theater in der Kreide“ die Intellektuellen (kurz „Tuis“) aufs Korn. nötigen Pfeffer.
Auf dem „Kongress der Weißwäscher“ waschen die Intellektuellen schmutzige Wäsche, um die Tochter des Kaisers als Frau zu gewinnen.

Bei unserer neuen Produktion haben wir das besondere Glück, mit der renomierten Musikergruppe Partikelgestöber zusammenarbeiten zu können.

Da bringt man Tünche auf und gibt dem Kaiser, was des Kaisers ist, wie es sich für eine Räuber- und Hurenkomödie gehört. Ein amüsantes, bissiges Stück, das Brecht-Experte Stähling aus der Versenkung herausgeholt hat. Besetzt mit schlagfesten und publikumserfahrenen Clowns und Komödianten verspricht das Stück ein großer Spaß zu werden.
Nicht zuletzt geben namhafte Musik-Clowns wie Gregor Bohnsack, Thomas König und Thomas Schnellen dem Brecht-Stück den


Bei Turandot

Fotos der Schauspieler von Günter Kortmann

TURANDOT oder Der Kongress der Weißwäscher

von Bertolt Brecht
Eine Inhaltsangabe 

Der Kaiser von China ist bankrott und kann sich sein luxuriöses Leben nicht mehr leisten. Er hat das Baumwollmonopol inne und erzielt wegen einer außerordentlich guten Ernte keinen guten Preis für seine Baumwolle. Also beschließt er mit seinem Bruder, die Baumwolle heimlich wegzuschaffen, um den Preis in die Höhe zu treiben.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es im Volkes unruhig wird. Der Kaiser muss um seine Absetzung fürchten und sucht händeringend nach einer Lösung. Sein Bruder hat die Idee, ein Interlektuellenkongress einzuberufen. Ziel ist es, die beste Ausrede zu finden, die der Kaiser seinem Volk über den Verbleib der Baumwolle präsentieren kann.


Impressionen von der Premiere im Bennohaus


Im Ricordo


Theaterkritiken


WN 22. Februar 2006


WN 27. Februar 2006

Überdrehtes Theater für Narren

Brechts „Turandot“ im Bennohaus
Virtuos zappt sich die kleine Truppe durch die lange Liste der Rollen: Das Theater in der Kreide spielt Brecht.
Foto: -küg

Selbst der kölsche Jeck muss schließlich dran glauben. Nur eine weitere Pappnase, die sich mit ihrer Büttenpalaverei im wahrsten Sinne des Wortes um Kopf und Kragen quatscht. Obwohl sie in der Pause noch so bierselig zur närrischen Höchstform aufgelaufen war und die kleine Kapelle „Partikelgestöber“ mit ihrem schrägen „Träräää“ Tusch auf ihrer Seite hatte. Mit etwas Henker-Hokuspokus landet auch ihr bekapptes Haupt hoch auf dem blutroten Bühnenvorhang. Neben all den anderen schlauen Clownsgesichtern, die zu schlecht gelogen haben. 

Reichlich karnevalskrawallig geht es zu, wenn das „Theater in der Kreide“ Bertolt Brechts „Turandot oder der Kongress der Weißwäscher“ aus der Versenkung holt. Mit schriller Gauklerparade im Foyer und Konfettiregen fürs Publikum.

Es soll eben nicht nur gedacht, sondern vor allem auch gelacht werden, wenn die Intellektuellen – bei Brecht die „Tellekt Uell Ins“, kurz Tuis genannt – soviel dreckige Wäsche waschen, dass selbst die Waschtrommeln auf der Bennohaus-Bühne überfordert sind.

Auch wenn man in diesem überdrehten Narrentheater nie weiß, ob diese nicht eigentlich für die Köpfe der Musik-Clowns bestimmt sind, die dann – gut Ding brauchteben nicht nur Weil(l) – einen kakophonischen Hallermarsch auf ihnen pauken. Oder für die Konfetti beschmutzten Kleider der Zuschauer, die von Anfang an zu Mittätern worden. Und denen die Putzfrau nassforsch mit dem Kehrricht-Besen zu Leibe rückt.

Regisseur Reinhard Stähling macht viel faschingskompatiblen Lärm um die Geschichte vom bankrotten Kaiser, der seine reiche Baumwollernte verknappt, um den Preis in die Höhe zu treiben. Und für den die Tuis dann die Ausreden erfinden sollen, um das empörte Volk zu beruhigen. Als Preis winkt Kaisertochter Turandot. Wahrheit egal. Was zählt, ist allein der Profit. Also wird gelogen, getäuscht und gespeichelleckt, dass sich der omnipräsente Henkersbalken biegt. 

So toll, dass zwischendurch niemand mehr weiß, wer hier eigentlich wen an der Pappnaso herumführt. Wo die Meinung zur Ware, die Überzeugung zum Handelsgut vorkommt, wo der Verstand lediglich dem wortgewandten Betruge dient und der Euphemismus die zeitgenössische rhetorische Figur ist, regiert halt der Wahn-Sinn.

Virtuos zappt sich die kleine Truppe durch die lange Liste der Rollen. Vom bekifften Tui-Lehrer, der seine Schwimmflügel-Schüler im seichten rhetorischen Fahrwasser unterrichtet, bis zum Arturo Ui-Pendant Gogher Gogh, der sich vom gemeinen Straßenräuber zum Diktator mausert und der nicht selten aus seiner Rolle tritt, um das epische Maskeradenspiel der Verfremdung auf die groteske Spitze zu treiben; ja sogar „Partikelstöberer“ Gregor Bohnensack darf sich beim Hofpopanz um Danilo Bürki, dem degenerierten Chinakaiser, als windiger Schaum schläger einschleimen.

Keine komödiantische Weißwäsche von der Stange eben. Für eine Ehrenrettung reicht das allemal.

Markus Küper


MZ 27. Februar 2006

Vergnüglicher Brecht

Theater: Clowneske „Turandot“

Münster – Es gab kein Entrinnen. Wer am Samstagabend vorm Karneval ins Theater fliehen wollte, erlebte in Münsters Bennohaus sein blaues Wunder. Im Foyer wurde man von Clownsnasen begrüßt, Musik dröhnte aus Trompeten, und Konfetti durfte auch nicht fehlen.
Das Theater in der Kreide um Regisseur Reinhard Stähling lud lautstark zur Premiere seines neuen Stückes: Jurandot oder der Kongress der Weißwäscher“ von Bertolt Brecht. Das Konzept: Handlung und Text blieben weitgehend unberührt, das Publikum wurde einbezogen, es gab jede Menge Irriprovisationen – und die Besetzung bestand komplett aus Clowns.

„Turandot“ ist eine Gesellschaftssatire, die in China spielt. Der Kaiser ist bankrott und schafft heimlich Baumwolle aus dem Land, um die Preise in die Höhe zu treiben. Damit das Volk nichts bemerkt, sucht er nach einer guten Ausrede. Der Intellektuelle (kurz: „Tui“), der die beste Idee hat, gewinnt die Prinzessin als Frau.

Das ohnehin ironische Stück eignet sich perfekt für eine Parodie – allerdings nicht unbedingt clownesker Natur. Man hatte Mühe, inmitten all der Komödianten den Handlungsstrang zu erkennen.

Das Ensemble de „Theater in der Kreide“
Foto: Schay

Die Bühne wirkte mitunter überfrachtet, die musikalische Performance der Band „Partikelgestöber“ auf Plastiktüten, Toilettensaugern und ähnlichen Geräten bizarr, die brillanten Einlagen – Feuerschlucker oder ein kölsch sprechender „Tui“ – verloren.

Großes Lob gebührt jedoch den vielseitigen Schauspielern, die im Sekundentakt die Rollen wechselten. Ute Becker begeisterte als Kaisermutter oder Universitätsrektor. Annelie Raub war als Prinzessin erfrischend frech. Und der Henker (Jakob Mathia) gab der Aufführung mit „Matrix“-Kostüm und unbeweglicher Miene eine leicht gruselige Note.

 Julia Schay


WN 6. März 2006

„Turandot“ mit viel Schärfe

„Theater in der Kreide“ gastiert im Begegnungszentrum Meerwiese

dnb- Münster-Coerde. „Sie haben aber einen schönen Struppel auf dem Kopf“, wirft der Kaiser der verdutzen Zuschauerin entgegen: „Und sie haben leider gar keinen mehr“, bekommt ihr glatzköpfiger Begleiter zu hören. Noch bevor den derart direkt Angegangenen ein empörter Blick gelingen könnte, kommt auch schon die Rechtfertigung: „Der Kaiser darf das.“
Schon der inszenierte Einlass machte deutlich, dass die Akteure des Theaters in der Kreide kein Pardon kennen. Bissig und mit einer gehörigen Portion Schärfe zeigte das münsterische Ensemble am Samstag Bertholt Brechts Turandot im Theaterraum des Begegnungszentrums Meerwiese. Leiterin Gisela Haak, die sonst meist Kinder- und Jugendstücke auf die Bühne bringt, wandte sich mit der Verpflichtung der profilierten Spielgruppe nun auch an die Erwachsenen des Stadtteils.

Mit dem Stück, dessen Untertitel vielversprechend „Kongress der Weißwäscher“ lautet, gelang Brecht eine treffende Gesellschaftssatire. Weil der Kaiser von China (gespielt von Danilo Bürki) bankrott ist, greift er zu drastischen Maßnahmen: Mit der künstlichen Verknappung des Baumwoll-Angebotes will er für seine Ware höhere Preise erzwingen. 

Schon vor dem eigentlichen Beginn suchten die Darsteller den Kontakt zum Publikum. Hier wird gerade die Brille eines Zuschauers untersucht.
Foto: -dnb-

Der Schuss geht jedoch nach hinten los. Kurzerhand beruft der Monarch einen Intelektuellen-Kongress ein, dessen Ziel es ist, eine gute Ausrede zu finden. Dem Sieger winkt die Hand der einzigen Tochter des Kaisers.

Die Clowns und Komödianten des seit 1998 aktiven Theaters in der Kreide begeisterten die rund 50 Gäste mit ihrer Umsetzung des Klassikers. Die Musik steuerte die Gruppe „Partikelgestöber“ mit Gregor Bohnensack, Thomas Schnellen und Thomas König bei.


WN Lüdinghausen 4. April 2006

Mit Witz und Spielkunst

„Theater in der Kreide“ überzeugt mit Aufführung des Brecht-Klassikers „Turandot“
Wer wird gerade an der Nase herumgeführt? Bei der Aufführung von Brechts „Turandot“
durch das „Theater in der Kreide“ konnte man sich als Zuschauer nie allzu sicher sein.
Foto: -cog-   

-cog- Lüdinghauscn. Episches Theater erlaubt den Schauspielern, das Publikum in die Handlung miteinzubeziehen und somit die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum aufzuheben. Bertolt Brecht ist der Begründer dieser Theaterform, bei der sich der verdutzte Zuschauer plötzlich inmitten des Geschehens wiederfindet. Hätte Brecht am Sonntagabend im Ricordo zu Gast sein können. er wäre sicherlich begeistert gewesen. Denn diese Inszenierung des Stücks „Thrandot oder der Kongress der Weißwäscher“ wäre ganz sicher auch nach seinem Geschmack gewesen.
Das lag zum einen an der frechen und den Zuschauer mit einbeziehenden Inszenierung, zum anderen an der professionellen Einstellung der Akteure des Münster TIK („Theater in der Kreide“). Sie ernteten für Witz und ausgereifte Spielkunst bereits in der ersten Pause minutenlangen Applaus.

 Die Darsteller präsentierten in einem Improvisationsduett mit der Gruppe „Partikelgestüber“ auf ihre Art den Inhalt und die Aussage des Stückes, ohne dessen Aussage zu verändern. Dabei war es großartig, wie die Musiker Gregor Bohnensack, Thomas Schnellen und Thomas König gegeneinander und doch miteinander spielten und die Möglichkeiten ihrer Instrumente voll ausschöpften. Mal dramatisch, mal verträumt, um dann wieder ekstatisch zu explodieren und am Schluss verträumt zu resignieren. Trompeten und Saxofon füllten so nicht nur die Pausen zwischen den einzelnen Szenen, sondern beanspruchten einen selbstständigen Part in der Inszenierung.

Viel Lärm und manch groteske Anspielung machten die Geschichte um den bankrotten Kaiser von China, der seine Baumwolle versteckt, um den Preis der Ware in die Höhe zu treiben, so interessant. Für ihn sollen die Intellektuellen – bei Brecht die „Tellekt Vell Ins“, kurz This genannt – eine schnelle Lösung finden, um den Kaiser aus der Affäre zu ziehen. Als Preis winkt die Kaisertochter Thrandot. Doch vor allem Anderen gilt: Die Wahrheit ist egal. Was zählt, ist allein der Profit. 

Regisseur Reinhard Stähling präsentiert mit seiner komplett aus Clowns bestehenden Besetzung die herrliche Gesellschaftstisre, in der sich der Zuschauer nicht immer sicher sein kann, wer gerade an der Nase herumgeführt wird. Besonderes Lob gebührt jedoch den vielseitigen Schauspielern. die im Sekundentakt die Rollen wechselten und das Stück durch ihren Charme zu einem ersten Highlight des Aprils machten. Ute Hecker begeisterte als Kaisermutter oder Universitätsrektor. Annelie Raub gab sich als Prinzessin erfrischend frech. Und der Henker, gespielt von Jakob Mathia, gab der Aufführung mit „Matrix“-Kostüm und unbeweglicher Miene eine leicht gruselige Note. Die Komödianten des seit 1998 aktiven „Theaters in der Kreide“ boten den zahlreichen Gästen Volkstheater vom Feinsten und zeigten auf bissige, amüsante und freche Art einen der bekanntesten Brechtklassiker.